Niemand Dachte Daran

NIEMAND DACHTE DARAN

Aus der Kaufmannsfamilie Hudtwalcker stammen die Geschwister Johann Michael und Margarethe. Die Mutter Sara Elisabeth Ehlers was Tochter des Zuckerbäckers Michael Ehlers, während der Vater Jacob Hinrich Hudtwalcker 1719 in Altona als Sohn eines Käsehändlers geboren worden war und dann eine Lehre im Herings- und Tranhandel gemacht hatte. Als wohlhabender Kaufmann wurde er später Commerzdeputierter und Börsenalter. Die Autobiographien seiner Kinder bleiben zunächst als Manuskript Dokumente private familiärer Erinnerungskultur; erst nachträglich wurden sie publiziert.1

In den 1795 begonnenen und 1811 fortgesetzten autobiographischen Notizen schildert der spätere Senator Johann Michael Hudtwalcker ausführlich seine Kinderjahre:

Zu meiner ferneren Bildung wurde mir nun die einzige unverheirathete Schwester meiner Mutter, welche Lehrerin war, von Wichtigkeit. Sie hatte die besten der damaligen deutschen Dichter gelesen; sie suchte sie wieder zu lesen, um sie mir mitzutheilen; sie las sie mir vor, und ich lernte sie verstehen; sie sang mir Stellen daraus, und ich verstand sie noch besser. Fromm, wie ich war, ward ich oft zu Thränen gerührt, wenn sie Gellert’s geistliche Lieder am Clavier sang. Hagedorn aber war mein Liebling.”2

Leider geht aus dem Text nicht hervor, welche Vertonungen sie sang, doch zeigt das Zitat, wie eng sich in der Wirkung der Musik Empfindsamkeit und Aufklärung vereinen. Die Bildungsbemühungen von Tante und Neffe zielen auf das Verstehen der Texte, und dieses Verstehen schliesst die Gefühlsbedeutung massgeblich ein, die sich in der musikalischen Rezeption deutlicher überträgt als in der rein lesenden. Ob der June die Differenz von gesprochener und gesungener Sprache für das Verstehen und damit die spezifische Formulierung eine Konstruktion vorliegt, die das “echte” Verständnis schon des Kindes beleuchten soll, ist natürlich nicht zu entscheiden. Mit Gellert und Hagedorn nennt er namentlich beiden Dichter, die aktuell im Bererich geistlicher Dichung auf der einen Seite, weltlicher auf der anderen Seite die Spitzenposition einnahmen. Die Hierachisierung, die Hagedorn als Höhepunkt ans Ende dieses Textsegments stellt, deutet daruafhin, dass dem Jugendlichen die weltliche Lyrik den doch näher stand als die geistliche, wenngleich er dafür Sorge trägt, sine Frömmigkeit zu beteuern.

Hudtwalckers Autobiographie enthüllt viel von der Atmosphäre einer hanseatischen Kaufmannsfamilie, was mittelbar auch wieder für die Liedkultur aufschlussreich ist. So wurde im Privatunterricht seine literarische Bildung im Hinblick auf die klassischen Autoren fundiert. Hudtwalcker berichtet von seinem nächsten Lehrer, einem Kandidaten der Theologie, bei dem er ab Ende 1760 Latein und Griechisch lernte:

«Er hatte die vernünftige Methode, dass er uns nur die Prosaisten übersetzen liess und die Dichter nur mit uns las, wobei er uns die einzelnen Wörter, die wir nicht verstanden, übersetzte. Unter diesen waren Ovid und Horaz seine Lieblinge.»3

Genau diese Dichter konnte Hudtwalcker als Mottogeber auf den Liederbüchern Hagedorns finden, und da die Lektüre der römischen Dichter dem Bildungsplan der Epoche entsprach, kann man unterstellen, dass generell mindestens die männlichen Rezipienten der Lieder mit den Motti einen poetischen Kontext verknüpgen konnten.

Hudtwalcker beschreibt die nunmehr altmodischen Verhaltensweisen der “Galanten” und die Omnipräsenz des Plattdeutschen als familiäre Umgangssprache:

«Deutsche Bücher, die ich hätte lessen können, fielen mir noch gar nicht in die Hände, und meine Muttersprache wurde ganz und gar vernachlässigt. Mein Vater nicht nur sondern auch meine ganze Umgebung, mit Ausnahme des Lehrers, sprach und schrieb falsch.

Es wurde damals allgemein so wenig darauf geachtet, dass man mit Ausnahme des gelehrten Standes, unter den übrigen selten Jemand und unter den Frauen und Töchtern selbst bey Gelehrten kaum ein Individuum fand, das Deutsch hätte richtig sprechen können. In Hamburg kam dazu noch ein Hinderniss mehr, da das Plattdeutsche zwischen Eltern und Kindern, in allen Geschäften des Lebens, im Umgange mit Verwandten und Freunden der einzige Dialect war, in dem man sich mit einander unterhielt.

Auch stammte noch von den Zeiten des Menandes die läppische Mode her, dass man einzelne französische Wörter dazwischen streute, wie man z.B. seinen Schwager: mon frère, seine Schwägerin: ma soeur nannte und von Muschö X und Muschö Z sprach. Ich hörte nicht anders gutes Deutsch sprechen als in der Kirche und in der Schule.”4

Von diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Lyrik eines Hagedorn trotz ihrer modernen Diktion eine Sprache sprach, die weit von der alltäglichen Spracherfahrung stand, zumindest wohl in den Kaufmannsfamilien:

Bei allem, was ich nun lernte, ward aber der Unterricht in meiner Muttersprache gänzlich versäumt. Niemand dachte daran; neimand hielt ihn derzeit für nothwendig. Durch meine lateinische Grammatok wurde uch auf diesen Mangel aufmerksam, merkte bald, dass viele Wörter in unserer Sprache einen anderen Casus regieren al sim Lateinischen und wusste mir nicht anders zu helfen, als durch angestrengte Aufmerksamkeit beym Lesen und Zuhören, besonders in der Kirche und im Theater.

Indess blieb dieser mühselige Weg immer unsicher, und es entschlüpfte mir beim Sprechen und Schreiben noch mancher Sprachfehler, bis ich später durch eigenes Studium Meister meiner Sprache ward.”5

Wieweit solche Empfindungen der Unsicherheit bezogen auf die eigenen Sprechfähigkeiten verbreitet waren, lässt sich nicht anhand einer einzelnen Quelle sagen; die Beschäftigung mit zeitgenössischer deutscher Lyrik bei der Unterweisung durch die Tante dürfte jedenfalls hier den Jungen darin unterstüzt haben, die eigene Sprachsouveränität zu entwickeln.

Quelle

Katharina Hottmann: Auf! Stimmt ein freies Scherzlied an, Weltliche Liedkultur im Hamburg der Aufklärung, J.B. Metzler, Stuttgart, Springer-Verlag GmbH, 2017

Notizen

  1. Oscar I. Tesdorpf (Hg): Mitteilungen aus dem handschriftlichen Nachlass des Senators Johann Michael Hudtwalcker, geboren 21 September 1747, gestorben 14 December 1818, in ZVHG 9 (1894)
  2. Ebd., S. 172
  3. Ebd., S. 173
  4. Ebd., S. 170
  5. Ebd., S. 173

www.hudtwalcker.com 2019